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Trauerkultur im Internet

 Trauerkultur im Internet
Viele Mitglieder des Internetforums pinguhuhn.de trauten wahrscheinlich im Mai dieses Jahres zunächst ihren Augen nicht. Sie fanden dort einen Abschiedsbrief des Gründers der Webseite veröffentlicht, den er vor seinem Freitod geschrieben hatte. Doch es war kein makabrer Scherz, sondern ein letzter Gruß an die virtuellen Freunde, mit denen er sich teils jahrelang in dem Forum ausgetauscht hatte. Internetforen und soziale Netzwerke wie Facebook oder StudiVZ sind für viele, vor allem junge Menschen zu festen Bestandteilen ihres Lebens geworden.

Viele nutzen interaktive Angebote täglich und kommunizieren dort mit Leuten, zu denen sie oft ausschließlich online Kontakt haben. Aber was passiert mit den Profilen voller persönlicher Daten, wenn ein Mitglied solcher Netzwerke plötzlich stirbt? Und wie erfahren die virtuellen Bekannten von dessen Tod? «Sobald uns Angehörige über den Tod eines Nutzers unterrichten, sperren wir das Profil zunächst», erklärt Dirk Hensen, Leiter Unternehmenskommunikation bei VZ Netzwerke, dem Betreiber von StudiVZ und SchülerVZ. Dazu reiche es aus, wenn die Hinterbliebenen ihre Identität durch eine Ausweiskopie nachwiesen. «Wir klären dann gemeinsam mit den Angehörigen, ob das Profil gelöscht werden oder bestehen bleiben soll.»

Letzteres könne sinnvoll sein, damit die Online-Freunde Abschied vom Verstorbenen nehmen und zum Beispiel einen letzten Gruß eintragen können. Auch Facebook lässt die Profile deshalb grundsätzlich im Netz, stellt sie allerdings auf einen sogenannten Memorial Status. Sie können dann nur noch von Nutzern eingesehen werden, die der Verstorbene als Freunde akzeptiert hatte. Nur auf Wunsch der Angehörigen löscht Facebook das Profil.

Bei den größten deutschsprachigen Online-Gemeinschaften StudiVZ und SchülerVZ hat bisher noch kein Hinterbliebener darum gebeten, den Internet-Freunden ihres verstorbenen Angehörigen dessen Tod mitzuteilen. Bei Bedarf werde dies aber ermöglicht. Wer ganz sichergehen will, dass seine Online-Kontakte sich nach seinem Tod nicht wundern, warum sie nichts mehr von ihm hören, kann ein Unternehmen wie lastmessage.de mit der Abwicklung seines digitalen Nachlasses beauftragen. Gegen eine Anmeldegebühr von 79 Euro benachrichtigt der Dienst, dessen Webseite gerade überarbeitet wird, nach dem Tod virtuelle Kontaktpersonen und löscht Profile. Es ist allerdings nötig, zu Lebzeiten dem Unternehmen sämtliche Zugangsdaten mitzuteilen.

Auch die Trauerkultur ändert sich durch das Internet. Immer mehr Menschen, für die das Netz ein alltäglicher Begleiter ist, finden es ganz selbstverständlich, es auch als Ort der Trauer zu nutzen. So haben in den vergangenen Jahren im deutschsprachigen Raum Gedenkportale und Internet-Friedhöfe eröffnet. Auf diesen Webseiten können Hinterbliebene Fotos und Videos der Verstorbenen hochladen, sich in Kondolenzbücher eintragen oder digitale Kerzen anzünden. Das größte deutsche Portal ist nach eigenen Angaben emorial.de mit mehr als 150.000 einzelnen Gedenkseiten allein im ersten Jahr nach der Gründung im April 2008. Auf der in freundlichem Orange gehaltenen Seite wird auch an gestorbene Prominente erinnert – etwa an den früheren ZDF-Moderator Eduard Zimmermann oder den Sänger Al Martino. Dagegen dominiert auf strassederbesten.de klassisches Schwarz. Hier können Trauernde kostenlos digitale «Gräber» anlegen, die sie dann mit Blumen, Fotos, Engeln und Kuscheltieren individuell gestalten – oft hart an der Grenze zum Kitsch. Die «Gräber» kann man auch auf einen virtuellen Friedhof einfügen, der wie eine Landkarte zu betrachten ist.

Auffällig ist der hohe Anteil jung Gestorbener, darunter viele Kinder, Jugendliche und Totgeborene, die hier von ihren Eltern liebevoll «Sternchen» genannt werden. Auch die geänderten Lebensumstände vieler Menschen haben zur Folge, dass sich das Gedenken im Internet zunehmend etabliert. «Viele wohnen heute so weit voneinander entfernt, dass sie nicht mehr regelmäßig an die Gräber ihrer Angehörigen kommen können», sagt Lars Segelke. Der Bremer Psychologe hat deshalb zusammen mit zwei Informatikern das Internetportal infrieden.de gegründet.

«Die Menschen können meist nicht mehr vor dem Kamin zusammen kommen, um Erinnerungen auszutauschen», erklärt Segelke. Deshalb suchten viele Trauernde ihre angelegten Gedenkseiten in kurzen Abständen auf, meist mehrmals in der Woche. Dass ein großer Bedarf nach solchen Netzangeboten besteht, kann man bei der Suchmaschine Google sehen: Etwa 250.000 Mal im Monat geben Menschen dort den Begriff «Trauer» ein.

Marcus Kirzynowski/epd
19.10.2009 14:38 MEZ
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