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Jennifer Lopez, die wir schon längst vertraulich JLo nennen, hat sichtlich Mühe, die hautenge Jeans über ihren berühmten Po zu ziehen. Jack Nicholson präsentiert sich - grinsend natürlich - zwischen botox-affinen Blondinen im Pool. Michael Jackson versucht, sein greinendes Baby mit Lippenstift zu schminken, Tom Cruise bringt seinen Nachwuchs mit dem Buch «Scientology for Babies» auf Linie, und George W. Bush starrt mit grenzdebilem Blick auf einen Bildatlas, den er verkehrt herum in seinen Händen hält.
«What you see in this Book, is not ,real’» steht auf dem Einband des vor kurzem erschienenen Bildbandes mit dem Titel «Confidential», auf dessen Umschlag eine entrückte Madonna beim Dampfbügeln abgebildet ist. Nein, nicht etwa eine Kirchenmadonna. Die Pop-Madonna also? Ja, genau die. Allerdings eben: «not real», nicht wirklich. Es ist eine Doppelgängerin.
An der Schnittstelle zwischen Wahrheit und Täuschung, Dokumentation und Inszenierung, Realität und Fake liegt eine der faszinierendsten Eigenschaften von Fotografie. Nicht erst seit das digitale Zeitalter begonnen hat, ist dieses Phänomen auch eines ihrer beliebtesten Themen.
Viele Aufnahmen der englischen Fotografin und Filmemacherin Alison Jackson sind unscharf und wirken deshalb wie heimlich aufgenommen. Damit treibt die Amerikanerin den schlechten Ruf der Paparazzi, den Verfolgern mit Fotoapparat, auf eine absurde Spitze. Doch entlarvt sie damit weniger die viel geschmähten Fotografen, die den Voyeurismus zum Beruf gemacht haben, als vielmehr uns, die Betrachter, die wir den Voyeurismus zu unserem Hobby erkoren haben - zahlreiche «People»-Magazine sind der Beleg dafür.
Erinnern wir uns: Kurz vor dem Tod Lady Di’s kursierten von ihr und ihrem mutmaßlichen Liebhaber Dodi in den Illustrierten Fotos, auf denen sich ihre Köpfe in offensichtlicher Kussbereitschaft einander zuneigten. Erst einige Zeit später kam heraus, dass die beiden im Moment der Aufnahme in verschiedene Richtungen geblickt hatten; von einem eventuellen Kuss, der dieses nie eindeutig geklärte Verhältnis hätte beweisen können, keine Spur. Der Fotograf hatte die Köpfe einfach spiegelverkehrt montiert, so dass sie einander zugewandt waren.
Warum wird dergleichen gemacht? Weil der Fotograf ein rücksichtsloser Zeitgenosse ist? Das wäre eine so wenig originelle wie mäßig glaubhafte Erklärung, auf die sich Alison Jackson mit ihren Bildern gar nicht erst einlässt. Vielmehr machen die täuschend echten Inszenierungen von Polit- und Showpromis ungemütlich klar: Solche Aufnahmen gibt es, weil wir sie sehen wollen. Offenbar ist es uns ein Bedürfnis, Einblicke in das Intimleben anderer und möglichst berühmter Menschen zu bekommen. Dabei ist es unter Umständen egal, ob diese Einblicke «real» sind oder «not real» - Hauptsache, sie bestätigen unsere schönsten Klischees: Ja, JLo hat einen Granatenarsch; Nicholson ist ein primitiver Macho, Michael Jackson ist nicht ganz sauber, was Geschlechteridentitäten angeht, und klar, Bush ist ein Volltrottel.
Was aber an dem neuen Bildband der 37-Jährigen noch mehr fasziniert: Getürkte Bilder sind meist nicht nur spannender und spektakulärer als die (sichtbare) Wirklichkeit, sondern mitunter näher an der Wahrheit. Es ist ja durchaus denkbar, dass der immer so perfekt gestylten Nicole Kidman mal das Kleid verrutscht, dass Bush seinen «Pudel» Tony Blair im Lassowerfen unterrichtet hat oder der schwerreiche Mick Jagger seine Schuhe aus Geiz im Schlussverkauf erwirbt.
Diese seltsame Überlagerung von «wirklich» und «wahr» erklärt auch den langjährigen Erfolg des Journalisten Tom Kummer, dessen Interviews zwar gefälscht, aber als Porträt eines Stars oft wesentlich schärfer waren als das, was bei den heute üblichen Interview-Terminen herauskommt, bei denen Journalisten vorgeschrieben wird, welche Fragen sie nicht stellen dürfen. Kummer übrigens, der öffentlich in Ungnade Gefallene, hat jüngst doch wieder ein Exklusiv-Interview veröffentlicht, das hiermit ebenfalls nachdrücklich empfohlen wird. Sein Gesprächspartner: Eisbär Knut. Tamara Dotterweich
Alison Jackson: Confidential. Taschen Verlag, 264 S., 29,99 Euro.
Tom Kummer: Kleiner Knut, ganz groß, Heyne Verlag, 96 S., zahlr. Abb., 9,95 Euro. |