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| Die Nürnberger Modeszene entdeckt recyclebare Materialien: |
Designer wollen «Vergessenes neu erfinden« |
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Lust an ungewöhnlichen Materialien, ein Faible für Stoffe mit Geschichte oder der Wunsch, um nachhaltigen Konsum zu werben: Nürnberger Designer haben viele Gründe, Kleidungsstücke oder Accessoires aus bereits Benutztem herzustellen. Nürnberg plus hat sich bei einigen von ihnen umgesehen.
Ein 50er-Jahre Kostümjäckchen und eine ausgemusterte Feuerwehrjacke, ein grober Webstoff und eine Federboa: Es sind scheinbar unkombinierbare Materialien, die André Schreiber zu tragbaren Kunstwerken verbindet. Das spielerische Mischen von Stoffen und die Verwandlung von Kleidungsstücken sind die Spezialität des gebürtigen Nürnbergers. «Ich möchte ein Spannungsverhältnis aufbauen«, sagt der Designer, der sich aus Liebe zu Ungarn und anderen Orten der «KuK«-Monarchie das Pseudonym Andor Író zugelegt hat.
In seinem «Institut Andor Író« in der Füll 12 vereint der 37-Jährige in einem mittelalterlichen Handelshaus Atelier und Showroom. Hier entwickelt er seine Ideen weiter, hier lässt er sich von Stoffen oder Kleidungstücken inspirieren, die er in Antiquitätengeschäften oder auf Flohmärkten erworben hat. «Meine Kreationen entstehen eher emotional als im Kopf. Ich mache keine Skizzen, sondern drapiere lieber und lasse mich von Material und Form leiten«, erklärt der Autodidakt. So entstehen aus Bahnen verschiedener 50er-Jahre-Stoffe ein Rock und gleichzeitig die Collage einer Modeepoche.
Bei seiner Arbeit hat der Nürnberger weniger den Umweltgedanken im Hinterkopf. Ihn reizt die Vergangenheit der Stoffe: «Ich möchte mit Materialien arbeiten, die eine Geschichte erzählen.«
Geldbörsen aus bunten Flyern
Zeitgeschichte erzählen auch die Geldbörsen der Schwestern Katharina und Joana Winter. Auf Streifzügen durch das Nürnberger Nacht- und Kulturleben sammeln die jungen Frauen Material für ihre Kollektion «neo-green«: Flyer, Plakate, Kunstdrucke - alles was bunt ist und hinter dessen Inhalten die beiden jungen Frauen stehen, wird recycelt.
Das Papier versehen die beiden mit Bucheinbindefolie und vernähen es zu Portemonnaies und Visitenkartentäschchen in unterschiedlichen Formaten. Ein Klettverschluss verwahrt die Münzen, Geldscheine und Karten sicher.
Das Label entstand aus Katharina Winters Diplomarbeit an der Akademie der Bildenden Künste. Unter dem Titel «uniform« hatte
sie sich mit dem Thema Konsumgesellschaft auseinandergesetzt. Die bunten Geldbörsen gab es bei der Ausstellung als Souvenir. Nachdem die kleinen Täschchen bei den Besuchern sehr gut ankamen, legte die Grafikdesignerin mit Hilfe ihrer Schwester Joana, einer angehenden Schneiderin, los.
Mehrere hundert Exemplare haben die beiden gefertigt. Viele gehen als Dankeschön an Bands oder Künstler, die ihre Plakate oder Kunstwerke als Material zur Verfügung gestellt haben. Verkauft werden die Unikate zu Preisen von 19 bis 39 Euro.
Taschen mit maritimem Chic
Aus ausrangierten Segeln von Surfern oder Booten stellt Doris Geissler unter dem Namen «Vollstoff« sportliche Taschen her. Wasserfest, stabil und modisch sind die Beutel. Und vor allem bieten sie viel Platz für die komplette Freibadausstattung einer Kleinfamilie oder den Großeinkauf auf dem Markt. «Auf einigen Taschen finden sich sogar noch die Originalnummern und Nationalitätenbezeichnungen«, so die gelernte Schneiderin. Damit der maritime Chic komplett wird, fertigt sie die Henkel aus einem weichen Tau und verziert die Taschen mit Schwimmern von Fischernetzen.
Dabei ist Doris Geissler eigentlich keine Wasserratte. Die 49-Jährige aus Zabo hat lieber festen Boden unter den Füßen. Da sich in ihrem Freundeskreis aber einige begeisterte Segler finden, bekam sie vor einiger Zeit ein Segel unter die Nähmaschine. «Ich bin immer neugierig auf neue Materialien«, sagt sie und erzählt, dass sie schon früher kräftig recycelt hat: «Aus Decken und alten Ledermänteln habe ich Jacken geschneidert und aus 50er-Jahre-Vorhängen Hawaiihemden genäht.«
Auch wenn sie für die Taschen Schnitte und Formen schon länger im Kopf hatte, startete die Nürnbergerin erst vor etwa einem Jahr richtig durch, nachdem die beiden Kinder aus dem Gröbsten heraus waren. In ihrem Atelier in Zabo stehen mehrere Nähmaschinen, die extra starke Motoren und feste Nadeln haben. «Mit einer normalen Haushaltsnähmaschine könnte man das Material nicht bearbeiten«, erklärt sie und näht mit dem für Segel charakteristischen Zickzackstich farbige Initialen auf. Die Kunden können Buchstaben und Farbe wählen.
Je nach Form, Größe und Material kosten die Taschen um die 50 Euro.
«Verletzt, aber lebendig«
Jordi Closa und Dunja Kudsi verwerten alles, was ihnen zwischen die Finger kommt: Die beiden Designer wandeln Dinge, die andere nicht mehr wollen, in Kleidungsstücke, Accessoires und Möbel um. Ihr Mini-Kunst-Café «Duendä« in der Weißgerbergasse 8 ist eine Fundgrube origineller Unikate. «Wir wollen Vergessenes neu erfinden«, sagt Jordi Closa.
Das Zentrum des Verkaufsraums bildet eine große Nähmaschine. Hier bekommt ein türkisfarbenes Polohemd lange Ärmel aus einem Wollstoff im gleichen Ton verpasst. Und aus Häkeldeckchen, T-Shirts und einem aufgedruckten Schriftzug haben Jordi und Dunja die Kollektion «I love Oma« kreiert. «Die Leute bringen uns ihre alten Sachen, und einiges holen wir vom Flohmarkt«, erzählt der 29-Jährige, der aus der Expo-Stadt Saragossa stammt. Egal, was auf seinem Arbeitstisch landet - alles erhält eine neue Bestimmung. So werden zwei Dutzend alte Krawatten zu einem bunten Lampenschirm, weiße Frottee-Puschen bekommen mit Stoffapplikationen den nötigen Pfiff, und ein angeschlagener Teller trägt die Aufschrift: «Verletzt, aber lebendig«.
Wer beim Stöbern müde wird, kann einen Abstecher in die ladeneigene Bar machen. Neben Kaffee und Erfrischungen fährt Jordi tägliche frische und hausgemachte spanische Leckereien auf.
Institut Andor Író, Füll 12, Di.- Fr. 11-19 Uhr und Sa. 11-16 Uhr, Tel. 2427842.
Vollstoff, Doris Geissler, 404449.
Neo-green: über Liebling - der Fachladen, Fürther Straße 50.
Duendä, Weißgerbergasse 8, Mo.-Sa. 11-20 Uhr, Mi. geschlossen.
Clara Grau |
| 16.7.2008 |
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NÜRNBERGER ZEITUNG |
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