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Auf der Nürnberger Burg weht ein neuer Wind, ein ganz bayerischer. Neuerdings sind dort oben Schwarz-Rot-Gold und Weiß-Blau dauergehisst, nicht mehr nur an Feiertagen. Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann möchte, dass Bayern Flagge zeigt. Der Fränkische Bund möchte, dass er das bleiben lässt.
Überall Weiß und Blau, das macht die Vereinsmitglieder ganz rot vor Wut. «Katastrophe!», poltert Detlev Tartsch, einer der Kreisvorsitzenden des Fränkischen Bunds. Der Schweinfurter, der in Nürnberg den Frankenland-Versand betreibt, kann schier endlos schimpfen auf den jüngsten Beleg für die «Verhinderungsstrategie» der Staatsregierung.
«Die Intention ist ganz klar, jede Möglichkeit zu verhindern, ein Gesamtfranken sich mit fränkischer Symbolik präsentieren zu lassen.» Der 63-Jährige spricht von «Identifikationsunterdrückung», und die mache «Magengrollen und Kopfschmerzen».
Alljährlich eine Staatsaffäre
So schlimm sei der bloße Anblick jetzt auch wieder nicht, gesteht Christian Hölzlein, ebenfalls Kreisvorsitzender. «Ich sehe von meinem Büro aus die Burg, und das sieht jetzt schon toll aus.» Die Provokation liege vielmehr darin, dass damit gerade die Landesregion als bayerisch abgestempelt werde, deren Patrioten beharrlich um Anerkennung ihres «Landes im Land» ringen. Der bloße Wunsch des Vereins nach dem einmaligen Aufhängen der Frankenfahne am Tag der Franken gerate alljährlich zur Staatsaffäre. Auf staatlichen Gebäuden bleibt sie verboten.
Was würde sich der Freistaat vergeben, wenn er einmal seine weiß-blau okkupierten Masten kurz für ein nichtstaatliches Rot-Weiß freigäbe? «Wir Franken haben nun mal unsere eigene Kultur.» Nürnberg habe es nicht nötig, für Bayern zu werben, meint der 30-jährige Hölzlein, «dann wirbt es doch immer nur für München, wo das Geld hinfließt». Und wenn der Frankenrechen wenigstens als Nummer drei auf dem Sinwellturm sitzen dürfte! Die Staatregierung messe in Sachen Flaggenstrenge mit zweierlei Maß, sagt Detlev Tartsch. «Am Bayreuther Festspielhaus dürfen sogar Sponsorenfahnen hängen.»
Dabei wollte Joachim Herrmann, Franke aus Erlangen, nur Gutes tun. Im Ausland habe er gesehen, wie großzügig öffentliche Bauten weltweit beflaggt sind. Das ließ er zum 17. Juni auf die bayerischen Regierungsgebäude übertragen, fortan sollen sie das ganze Jahr über im Schmuck stehen. Das Finanzministerium bezog dann gleich die ihm unterstellten Schlösser und Burgen in die pausenlose Beflaggung ein. Beim Thema «Herrmann» winkt Tartsch ab. Der zähle leider zu den vielen fränkischen Abgeordneten, die ihre Identität mit dem Überschreiten der Donau abstreifen.
Detlev Tartsch wohnt hinter der Burg, da würde er gern mal einen Schrotflintenwettbewerb auf die neue Burgflagge . . . natürlich nur ein Witz, er lacht laut. Jetzt schießt er sich erst mal ein auf die neue Wahlkampagne der CSU. «Stolz auf Bayern» heißt die und besteht unter anderem aus einem Video (http://videocenter.csu.de/pub/stolzaufbayern/), das außer vier Nürnberger Postkartenansichten Franken auszublenden scheint.
Tartsch hat gerade ein Faltblatt in Arbeit. «Auf Bayern stolz? Nein Danke, ich bin Franke!» heißt der Titel, es wettert gegen die «Rautenflut», «Bajuwarisierung» und Abkanzlung der «Nordbayern». Ein Frankenrechen bricht sich darauf Bahn durch die weiß-blaue Raute. Isabel Lauer