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| Das Wirtschaftswunder in Bildern |
Als es immer nur aufwärts ging |
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Das waren Zeiten!» Wer kennt ihn nicht, diesen Seufzer, der in der Rückschau die Vergangenheit verklärt. Doch auch überzeugte Nicht-Nostalgiker werden diesen Ausruf kaum unterdrücken können, wenn sie den Bildband des Pressefotografen Josef Heinrich Darchinger durchblättern.
Was auch daran liegt, dass schon der Titel wie ein verführerisches Versprechen aus der Ferne klingt: «Wirtschaftswunder – Deutschland nach dem Krieg 1952 – 1967». Ja, das waren Zeiten, als die Wirtschaft sich nicht wie heute im freien Fall befand, sondern noch für Wunder gut war und ein Lächeln selbst auf die Gesichter der Mittellosen zu zaubern schien.
Vielleicht deshalb, weil der Glaube an die Zukunft und an Ludwig Erhards Slogan «Wohlstand für alle» noch nicht getrübt war. Nach den verheerenden Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs erlebte insbesondere die Westhälfte des geteilten Deutschlands einen rapiden sozialen Wandel und wirtschaftlichen Aufschwung.
Darchinger, der seit den 50er Jahren als Fotojournalist arbeitete und in den 60er Jahren Karriere beim «Spiegel» und der «Zeit» machte, wurde damit zum Chronisten der Bonner Republik, die zufälligerweise nach seinem Geburts- und Wohnort benannt ist. 1925 wurde Darchinger in der Stadt am Rhein geboren, noch heute lebt er dort. Der Optimismus, der aus vielen der Fotos im Buch leuchtet, hat dabei aus unserer abgeklärten Perspektive nicht selten einen bitteren Nachgeschmack: An Rauchwolken, die in der Abendsonne über Industriegebieten giftig leuchten, mag sich heute niemand mehr ergötzen.
Das frisch fertiggestellte Frankfurter Autobahnkreuz schimmert wie eine architektonische Meisterleistung im Grün der Landschaft und erscheint uns doch als ein düsterer Vorbote für Übermotorisierung und Verkehrskollaps. Und die Trabantenstädte des sozialen Wohnungsbaus, in denen einst aufstrebende junge bundesrepublikanische Familien ihr erstes Zuhause fanden, haben sich längst in Migranten-Problemviertel verwandelt.
Dabei begann es alles andere als rosig: Darchinger dokumentiert die Kriegsfolgen mit zerbombten Ruinen, Barackensiedlungen und Soldatengräbern. Doch nie nimmt die dunkle Stimmung überhand, dafür sorgen schon die vielen Kinder auf den Fotos: Fröhlich lächeln sie im Kindergarten in die Kamera; gebannt sitzen sie vor einem grob gezimmerten Puppentheater auf der Wiese; mit entschlossenem Blick erkunden sie in kurzen Lederhosen und mit Tretrollern die Straßen ihres Viertels und erinnern daran, dass es einmal eine Kindheit ohne pädagogische Rundum-Überwachung gab.
Schnell wandeln sich durch den Aufschwung die Stadtpanoramen: Leuchtreklamen erobern die Fassaden; in Glaskästen werben Reisebüros für Spanien als neu entdecktes Urlaubsziel; den Münchner Marienplatz dominieren schon 1963 die Blechkarawanen. Darchinger fängt mit seiner Kamera jene Motive ein, die längst wie nostalgische Botschaften aus der Vergangenheit wirken: Zufrieden lächelnde Männer beim Stammtisch; eine junge Familie, die mit ihrem VW-Käfer ins Grüne gefahren ist; ein Laden, der für «Westfälische Dauerwurst» wirbt; ein Oktoberfest-Bierzelt, in dem man ohne Reservierung, Vorauskasse und kampftrinkender Touristenhorden aus aller Welt einen Platz bekommen konnte.
Obwohl viele Bilder Darchingers in kräftigen Farben leuchten, malt der Fotograf kein einseitig optimistisches Bild des Landes: Verteilungskämpfe und Kalter Krieg finden in Wahlkampfparolen ihren Niederschlag; das von der Mauer zerschnittene Berlin ruft jene Zeit in Erinnerung, als der Potsdamer Platz eine trostlose Brache war. Und der Betrachter ahnt, dass diese fast zwei Jahrzehnte deutscher Vergangenheit in Darchingers Aufnahmen vielleicht nur deshalb so freundlich wirken, weil man rückblickend die Zukunftsängste von damals vergisst oder niemals gekannt hat.
Dass das Buch mit dem Jahr 1967 endet, hat dabei weniger mit dem Tod des ersten Kanzlers der Bundesrepublik und CDU-Übervaters Konrad Adenauer zu tun. Nein, der SPD- und gewerkschaftsnahe Darchinger will sicher nicht indirekt das Wirken und die Epoche Adenauers verklären, vielmehr brachte 1967 eine ernste ökonomische Krise, die nicht nur die Wirtschaftswunder-Jahre beendete, sondern tiefgreifende gesellschaftliche Umwälzungen – Stichwort 1968 und Studentenunruhen – nach sich zog.
Die Welt war danach eine andere – wie sehr sie sich seitdem gewandelt hat, davon erzählt jedes Foto dieses hervorragenden Buches. Thomas Heinold
Josef Heinrich Darchinger: Wirtschaftswunder – Deutschland nach dem Krieg 1952–1967. Taschen Verlag, 288 Seiten, 29,99 Euro. |
| 20.2.2009 |
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NÜRNBERGER ZEITUNG |
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